Mit der dritten, aktualisierten und erweiterten Auflage des Handbuch Frieden legen Hans-Joachim Gießmann, Bernhard Rinke und Bettina Engels ein umfassend überarbeitetes Standardwerk der Friedens- und Konfliktforschung vor. Rund 50 Autor*innen bündeln darin den aktuellen Wissensstand zu Frieden, Friedenspolitik und Friedensforschung aus wissenschaftlicher und politischer Perspektive. Das Handbuch beleuchtet systematisch die vielfältigen Dimensionen des Friedensbegriffs und untersucht Wege zur Förderung friedlicher und integrativer Gesellschaften im Kontext nachhaltiger Entwicklung.
Besonders hervorzuheben ist die stärkere Berücksichtigung technologischer Entwicklungen als prägende Faktoren gegenwärtiger und künftiger Sicherheitsordnungen. Angesichts rasanter Fortschritte – insbesondere im Bereich der Künstlichen Intelligenz – stehen wir am Beginn einer neuen technologischen Umwälzung. Ihre disruptive Wirkung ist in ihrer Tragweite durchaus mit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts vergleichbar. Ob KI und andere Schlüsseltechnologien zu mehr Frieden beitragen oder neue Konfliktdynamiken, Machtasymmetrien und Kontrollverluste verstärken, hängt wesentlich von politischer Gestaltung und internationaler Regulierung ab. Derzeit überlagern sich technologische Beschleunigung und institutionelle Unsicherheiten in einer Weise, die bestehende Ordnungsstrukturen unter Druck setzt. Denn noch existiert die nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts geschaffene internationale Ordnung – doch ihr normativer und politischer Zusammenhalt gerät zunehmend ins Wanken. Klimawandel, nukleare Risiken, geopolitische Rivalitäten und technologische Disruption wirken nicht isoliert, sondern überlappend und sich gegenseitig verstärkend. Friedensforschung steht damit vor der Aufgabe, auf Grundlage sorgfältiger Analysen zeitgemäße Frühwarnsysteme, realistische Szenarien und resiliente Ordnungsvorstellungen zu entwickeln.
Aus Sicht des Forschungsverbunds Naturwissenschaft, Abrüstung und internationale Sicherheit (FONAS) e.V. ist es positiv, dass die naturwissenschaftlich-technische Dimension in der neuen Auflage eine systematische und eigenständige Würdigung erfährt. Das Kapitel „Naturwissenschaftlich-technische Friedens- und Konfliktforschung“ (Kapitel 3 von 40) wurde von Christian Reuter (Technische Universität Darmstadt), Jürgen Scheffran (Universität Hamburg) und Manuel Kreutle (Forschungszentrum Jülich) verfasst. Es beleuchtet die Rolle von Technologien – von KI über Klima- und Energiesysteme bis hin zu nuklearen Fragen – für Sicherheit, Abrüstung und internationale Stabilität und unterstreicht die Verantwortung wissenschaftlich-technischer Expertise für eine friedensorientierte Gestaltung des Wandels.
Die neue Auflage des Handbuch Frieden setzt damit ein wichtiges Signal: Frieden im 21. Jahrhundert lässt sich nur verstehen und gestalten, wenn technologische, ökologische und geopolitische Dynamiken gemeinsam in den Blick genommen werden.
