Berliner Handyalarm verwirrt: Wie sicher sind unsere Warnsysteme?
von Dominik Bardow
Beim Stromausfall in Berlin löst falscher Handyalarm für eine vermeintliche “Extreme Gefahr” Verunsicherung aus. Der Fall wirft Fragen zur Wirksamkeit von staatlichen Warnkanälen auf: Sind sie hilfreich – oder erzeugen sie gar Panik oder Warnmüdigkeit?
Es war eine Warnung, die verwirrte: Anfang Januar erhielten Berliner Handys eine Nachricht mit der Überschrift “Extreme Gefahr” – fünf Tage nach dem großen Stromausfall im Südwesten der Stadt. Erst nach Anklicken war ersichtlich, dass hier nur auf Wiederanschalten des Stroms hingewiesen wurde. Berliner Behörden erklärten dazu, voreingestellte, nicht anpassbare Textvorlagen genutzt zu haben.
Noch verwirrender wurde es, als dann eine Entwarnung verschickt wurde, nun doch angepasst. Die Krisenkommunikation löste Kritik aus. Viele Berliner und Berlinerinnen fanden die Formulierung übertrieben und verunsichernd, andere dankten für den Hinweis, die Stromaggregate auszuschalten.
Der Fall wirft Fragen auf: Kann man sich auf Warnsysteme in Deutschland im Ernstfall verlassen?
Zu Sirenen und Rundfunk kommt nun Cell Broadcast
“Warnungen sollten natürlich nur rausgegeben werden, wenn Gefahr besteht”, sagt Christian Reuter, Experte für Cyber-Sicherheit, im Gespräch mit unserer Redaktion. Behörden neigten aber mitunter dazu, zu oft zu warnen, um sich nichts vorwerfen zu lassen, sagt Reuter. Dabei zeigen Studien, dass die Reaktion in der Bevölkerung abnimmt, wenn zu oft gewarnt wird. Sprich: Wer leichtfertig warnt, erreicht oft das Gegenteil: Werden Meldungen nicht mehr ernst genommen, unterbleibt die Vorsorge.
Dabei gibt es bereits bewährte öffentliche Warnkanäle wie Sirenenheulen und Rundfunkmeldungen, die im Krisenfall, bei Überflutungen, Großbränden, Terroranschlägen oder Evakuierungen warnen. “Sirenen sind auch nur ein Weckruf: Sie sagen: ‘Bitte informier dich’, nicht, was genau zu tun ist”, schränkt Reuter ein.
Dazu kommen Lösungen wie Cell Broadcast, die über Mobilfunkmasten Warnungen senden. Die Technik wird in Deutschland seit 2023 flächendeckend für den Katastrophenschutz genutzt. Sie sendet schnelle Textwarnungen und Signaltöne, ohne Anmeldung, selbst ohne Internetsignal. Allerdings auch nur begrenzte, kaum personalisierte Informationen, im Umkreis des Funkmastes.
“Alle innerhalb einer Funkzelle bekommen das Gleiche”, erklärt Reuter. Daher funktioniere die Technik am besten kombiniert, etwa mit Social Media oder Warnungen durch Hausverwaltungen. “Verschiedene Kanäle erreichen ganz verschiedene Bevölkerungsgruppen – die Mischung macht’s.”
Vor allem in Zeiten, in denen sich Menschen weniger über klassische Medien informieren. So setzt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) auch auf seine NINA-App. Diese bietet Nutzern einen Push-Alarm, eine genaue Gebietsauswahl, Verhaltenshinweise und Warnstufen.
Womöglich warnen bald Smarthome-Geräte
Experte Reuter hofft, dass nicht nur die Behörden aus Vorfällen wie in Berlin für Verbesserungen lernen. Er rät Nutzern jedenfalls, weiter offiziellen Warnmeldungen zu vertrauen, die so aufgebaut sein sollten, “dass das Wichtigste in Überschrift und den ersten Zeilen steht; bei Unklarheit sollte man offizielle Seiten prüfen”. Der jährliche Warntag helfe, die Systeme zu erlernen.
Reuter selbst forscht an dezentralen technischen Lösungen, etwa wie Handys untereinander Informationen weitergeben, wenn zentrale Infrastrukturen ausfallen, oder wie Smarthome-Geräte warnen können. Könnte er sich eine Verbesserung wünschen, wäre es die vorinstallierte Krisen-App für alle Handys. “Das wäre sehr hilfreich, jeder könnte sich dann Sprache und relevante Orte auswählen”, sagt er.
Die Gelegenheit sei dabei günstig, gerade in Berlin. “Nach Krisen laut Forschung ist der beste Moment, um Menschen zur Vorsorge zu motivieren.” Am besten auf allen verfügbaren Kanälen.
Über den Gesprächspartner
- Prof. Dr. Dr. Christian Reuter ist Professor für “Science and Technology for Peace and Security” (PEASEC) und forscht an der TU Darmstadt zu Cyber-Sicherheit, Mensch-Maschine-Interaktion und dem Einfluss digitaler Technologien auf politische Gewalt. Seine Forschungsgruppe PEASEC an der TU Darmstadt verbindet Informatik mit Friedens- und Sicherheitsforschung.
Quelle:
https://www.gmx.net/magazine/digital/berliner-handyalarm-verwirrt-warnsysteme-41779298
https://home.1und1.de/magazine/digital/berliner-handyalarm-verwirrt-warnsysteme-41779298
https://web.de/magazine/digital/berliner-handyalarm-verwirrt-warnsysteme-41779298
