Parlamentarischer Abend in Berlin bringt TraCe und Parlamentarier:innen ins Gespräch

Russlands Angriffs­krieg gegen die Ukraine, die Ge­walt im Nahen Osten, der Krieg im Sudan und die jüngste US-Militär­intervention in Venezuela – sie alle stehen exempla­risch für eine Entwicklung, in der die Grenzen zwischen Krieg und Frieden, zwische­nstaatlichem Krieg und Bürgerkrieg, staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren zu­nehmend verschwimmen. Neue Waffen­systeme, digitale Pro­paganda und hybride Bedrohungs­szenarien verschärfen diese Dy­namiken zusätzlich. Auch für die deutsche Politik stellen sich damit dringliche Fragen: Wie lässt sich auf diese ent­grenzten Konfliktlagen reagieren – und welche konkreten Handlungs­spielräume ergeben sich für po­litische Entscheidungsträger:innen?

Diesen Fragen wid­mete sich am 24. Februar 2026 ein Parla­mentarischer Abend in Berlin, ge­meinsam organisiert von TraCe und der Deutschen Stiftung Friedensforschung (DSF). In der Parla­mentarischen Gesellschaft kamen Ab­geordnete des Bundes­tages, Mitarbeitende aus Ab­geordnetenbüros sowie Vertreter:innen aus Bundes­ministerien mit TraCe Forschenden ins Ge­spräch. Nach einer Einführung von Jonas Wolff warfen Monika Wingender, Thea Riebe und Thilo Marauhn Schlaglichter auf ver­schiedene Aspekte des sich ver­ändernden Kriegsgeschehen. Moderiert wurde der Abend von Tobias Pietz, Vorstands­mitglied der DSF und Lead „Climate Security & EU“ am Zentrum für Internationale Friedenseinsätze (ZIF).

Obwohl TraCe ver­schiedenste Dimensionen politischer Gewalt unter­sucht, begleitet das Thema Krieg den Forschungs­verbund seit Projekt­beginn. Bereits das Kick-Off „Ein neuer alter Krieg? Der russische Überfall auf die Ukraine und die Transformation politischer Gewalt“ Ende 2022 nahm den russischen An­griff in den Blick – der sich am Veranstaltungs­tag zum vierten Mal jährte. Schirmherr Nils Schmid, parla­mentarischer Staatssekretär im Bundes­ministerium für Verteidigung unter­strich in seiner Be­grüßung deshalb die Re­levanz der wissen­schaftlichen Analyse von TraCe in Zeiten wachsender sicherheits­politischer Unsicherheit. In der folgenden kurzen Ein­führung stellte Jonas Wolff TraCe und die Arbeit des Forschungs­zentrums kurz vor. Außerdem betonte er, dass die Forschung all­gemein den deutlichen Anstieg be­waffneter Konflikte, eine zu­nehmende Medialisierung sowie eine qualitative Ent­grenzung der Gewalt be­obachte.

In ihren Kurz­impulsen vertieften Monika Wingender, Thea Riebe und Thilo Marauhn diese Dia­gnose und verknüpften sie mit Handlungs­empfehlungen an die deutsche Politik. Monika Wingender richtete den Fokus auf Dis­kurs, Propaganda und Erinnerungs­politik im Kontext des russischen Angriffs­kriegs: Einerseits diene russische Pro­paganda der Rechtfertigung militärischen Handelns und dem Kampf um Deutungs­hoheit. Die Ideologie der „Russischen Welt“ ver­schränke außerdem die Sprach­politik mit geopolitischem Machtan­spruch. Zugleich beitreibe die Ukraine eine staatlich ge­förderte Derussifizierung, die alles Russische aus dem öffentlichen Raum ver­bannen soll – selbst dort, wo es Teil eines historisch ge­wachsenen kulturellen Erbes sei

5 Personen sitzen in Sesseln auf einem Podium. Eine Frau spricht ins Mikro. Im Hintergrund steht das TraCe-RollUp.

. Beide Seiten be­wegten sich damit in einer Spirale aus Ideologie und Gegen­ideologie. Wingender plädierte dafür – auch vor dem Hintergrund ihrer Ent­grenzung im digitalen Raum – Propaganda­strategien in Deutschland stärker in den Blick zu nehmen und früh­zeitig Konzepte für Aufarbeitung und Versöhnung mit­zudenken.

Thea Riebe lenkte den Blick auf die technologischen Trans­formationen moderner Kriegsführung. Auto­matisierte Systeme und künstliche Intelligenz be­schleunigten militärische Entscheidungs­prozesse erheblich. Sinkende Kosten er­möglichten zunehmend auch nicht­staatlichen Akteuren Zugang zu ent­sprechenden Technologien. Gleich­zeitig divergierten internationale Vor­stellungen darüber, was „menschliche Kontrolle“ kon­kret bedeutet. Riebe verwies auf be­stehende NATO-Leitlinien sowie euro­päische Regulierungs­ansätze wie den AI Act, betonte jedoch, dass Deutschland sich aktiv an der inter­nationalen Standardsetzung beteiligen müsse. Verlässliche, über­prüfbare Kriterien für menschliche Kontrolle seien zentral.

Im ab­schließenden Input beleuchtete Thilo Marauhn die völker­rechtliche Dimension. Darin be­schrieb er die Gefährdung der interna­tionalen Ordnung durch die Ero­sion klarer Begrifflich­keiten, zunehmend aus­bleibende Rechtfertigungen von Gewaltan­wendung, eine zeitliche Vor­verlagerung von Gewaltanwendung und ein zu­nehmendes Ignorieren des Exzess­verbots. In seinem Input wie auch der ans­chließenden Diskussion betonte Marauhn, dass sich das Völker­recht als zwischen­staatliches Recht beständig im Wandel befinde und seine Wirk­samkeit im Gestaltungsspielraum der Staaten liege. Andersherum be­deute dies jedoch auch: Nicht-Handeln und Schweigen sind keine Optionen, da dies die un­wiederbringliche Erosion völkerrechtlicher Normen zur Folge haben kann. Für die deutsche Politik ergeben sich daraus Handlungsaufträge: klare Bot­schaften und kon­sequentes Ein­treten für bestehende Normen über ver­schiedene diplomatische Kanäle. 

In der an­schließenden Diskussion wurden unter anderem Fragen zu Dual-Use-Problematiken im Weltraum, zum Spielraum Deutschlands im Spannungsfeld zwischen Völkerrecht und Macht sowie zur Rolle von Allianzen – auch mit Partnern im Glo­balen Süden – vertieft. Nach über einer Stunde in­tensiver Debatte ging der Austausch bei Buffet und Getränken in in­formellerer Runde weiter. Sabine Mannitz und Regine Schwab be­teiligten sich mit ihrer Expertise an den Ge­sprächen und den weiter­führenden Diskussionen.  

Parlamentarischer Abend mit PEASEC: Aktuelle Kriegsdynamiken – hybrid, entgrenzt, überall?